27. Februar 2026

Gastbeitrag von Bertan Türemis

Was in diesem Cochrane-Review wirklich steht

Eine Einordnung des Cochrane-Reviews zu Cannabinoiden bei neuropathischen Schmerzen

Cochrane-Reviews gelten als der höchste Standard der evidenzbasierten Medizin. Sie fassen den gesamten verfügbaren Forschungsstand zu einer klinischen Frage zusammen, bewerten jede einzelne Studie nach festgelegten Kriterien und ziehen daraus ein Gesamtfazit. Wenn ein Cochrane-Review spricht, hören Leitlinienkommissionen, Zulassungsbehörden und Fachgesellschaften zu. Was hier steht, prägt die Versorgungsrealität für Jahre.

Im Januar 2026 ist die dritte Auflage des Cochrane-Reviews zu cannabisbasierten Arzneimitteln bei chronischen neuropathischen Schmerzen erschienen. 21 Studien, 2.187 Teilnehmende, drei Cannabinoid-Profile. Das Ergebnis wird in den kommenden Wochen häufig zitiert werden: Die Evidenz ist durchweg niedrig bis sehr niedrig.

Die meisten werden hier aufhören zu lesen. Cannabis wirkt nicht, die Evidenz ist klar. Weiter im Programm. Aber wer das Review tatsächlich aufschlägt, findet darin Dinge, die es in keine Schlagzeile schaffen werden. Und die verändern das Bild erheblich.

Der blinde Fleck

Niedrige Evidenzsicherheit ist keine Aussage über Wirksamkeit. Es ist eine Aussage über die Datenlage. Die GRADE-Systematik, nach der Cochrane bewertet, fragt nicht nur nach dem Ergebnis. Sie fragt, wie zuverlässig dieses Ergebnis ist. Wenn Studien zu klein sind oder zu kurz laufen, stuft GRADE herab. Unabhängig davon, in welche Richtung die Ergebnisse zeigen.

Das Review sagt also nicht: Cannabinoide wirken nicht. Es sagt: Die Daten reichen nicht aus, um überhaupt eine belastbare Aussage zu treffen. Weder für noch gegen die Wirksamkeit. In der öffentlichen Rezeption geht dieser Unterschied zuverlässig verloren.

Das Signal im Rauschen

Erstmals wertet dieses Review konsequent nach Cannabinoid-Profil aus: THC-dominant, THC/CBD-balanciert und CBD-dominant. Die bisherige Praxis, alle Cannabinoide in einen Topf zu werfen, war wissenschaftlich nicht haltbar. Dieses Review räumt damit auf. Allein das ist ein Fortschritt.

Und dann passiert etwas Bemerkenswertes. Für THC/CBD-balancierte Zubereitungen zeigt sich ein kleiner, aber konsistenter Effekt auf der Schmerzskala. Die Autoren selbst bewerten ihn als klinisch relevant, wenn auch gering. Das muss man sich vor Augen führen: 14 von 22 Studien hatten ein hohes Verzerrungsrisiko. Die meisten untersuchten 30 bis 40 Personen pro Arm. Nur vier liefen mindestens 12 Wochen. Und trotzdem kommt ein Signal durch.

Wer die Praxis kennt, versteht, was das bedeutet. Die individuelle Dosisfindung bei Cannabinoiden dauert allein 4 bis 6 Wochen. Viele Studien werteten nach 6 Wochen aus. Zu einem Zeitpunkt, an dem ein Teil der Teilnehmenden die Zieldosis noch nicht erreicht hatte. Bei Pregabalin zeigten sich höhere Ansprechraten nach 8 bis 12 Wochen als nach 4. Die Zulassungsstudien für Pregabalin berücksichtigen das. Für Cannabinoide existieren solche Studien bislang nicht.

Für THC-dominante Präparate sind die Ergebnisse so heterogen, dass sich kein klares Bild ergibt. Für CBD allein zeigt sich kein Hinweis auf einen Effekt. Auch das verschwindet in der Schlagzeile „Cannabinoide wirken nicht“ vollständig.

Der falsche Vergleich

Es gibt eine Frage, die dieses Review nicht beantworten kann, und die trotzdem entscheidend ist: Gegen was wird hier eigentlich verglichen? Sämtliche eingeschlossenen Studien messen Cannabinoide gegen Placebo. Gegen nichts. Nicht gegen die Medikamente, die Cannabinoide in der Praxis häufig ergänzen oder ersetzen. Opioide. Benzodiazepine. Gabapentinoide.

Die Autoren fordern deshalb Drei-Arm-Studien mit aktiven Komparatoren wie Duloxetin oder Pregabalin. Solange es diese Studien nicht gibt, erfahren wir aus dem Review, ob Cannabinoide besser sind als nichts. Nicht, ob sie besser oder schlechter sind als die Alternativen. In der klinischen Realität steht diese Frage aber im Zentrum.

Ebenso fehlt eine Subgruppenbildung nach sensorischen Schmerzprofilen. Ein Durchschnittseffekt über alle Schmerztypen hinweg verrät wenig darüber, wer tatsächlich profitiert. Es ist, als würde man die Wirksamkeit von Antibiotika bewerten, indem man alle Infektionen in einen Topf wirft.

Die andere Seite der Medaille

Es gibt noch einen Punkt, der in der öffentlichen Diskussion fast nie auftaucht. Wenn die Evidenz für die Wirksamkeit niedrig ist, gilt das auch für die Risiken. Die gleichen Studien, die zu klein und zu kurz waren, um einen Effekt zuverlässig zu messen, waren auch zu klein und zu kurz, um ein Risikoprofil zuverlässig abzubilden.

Die Autoren empfehlen ausdrücklich, dass prospektive Kohortenstudien die randomisierten Studien ergänzen sollten. Wer genau liest, versteht: Die Sicherheitsdaten, die in Fachgesellschaften und Leitlinienkommissionen zitiert werden, stehen auf dem gleichen wackligen Fundament wie die Wirksamkeitsdaten. Das wird selten erwähnt.

Was bleibt

Die IASP-Taskforce hat Cannabinoide 2021 weder empfohlen noch abgelehnt. Nach der dritten Auflage dieses Reviews ändert sich daran nichts. Was sich ändert, ist die Schärfe der Frage. Wir wissen jetzt genauer, welche Cannabinoid-Profile vielversprechend sind und welche nicht. Wir wissen, wo die Daten fehlen und warum sie fehlen.

Wer dieses Review als Beweis gegen die Wirksamkeit von Cannabinoiden liest, hat es nicht gelesen. Wer es als Beweis dafür liest, auch nicht. Was es zeigt: Nach 21 Studien ist das Verfahren immer noch offen. Und die Gründe dafür liegen nicht bei der Substanz, sondern bei der Studienlage.

Quelle

Ateş G, Welsch P, Klose P, Phillips T, Lambers B, Häuser W, Radbruch L. Cannabis-based medicines for chronic neuropathic pain in adults. Cochrane Database Syst Rev. 2026 Jan 19;1(1):CD012182. doi: 10.1002/14651858.CD012182.pub3. PMID: 41548880; PMCID: PMC12812441.

Dieser Beitrag gibt die persönliche Einschätzung des Autors wieder. Bertan Türemis ist Diplom Neurobiologe und Senior Medical Science Liaison Manager in der Cannabisindustrie.