25. März 2026

Gastbeitrag von Jakub Horak, Medical Cannabis Expert & Supplier | EU-GMP Consulting | Founder of TOKE

PGR in der Medizinalcannabis-Produktion:

Ertragssteigerung versus Arzneimittelsicherheit

Der Einsatz von Plant Growth Regulators (PGR) im Anbau von Cannabis (Cannabis sativa L.) steht weltweit für einen grundlegenden Konflikt zwischen kommerziellen Interessen an maximalem Ertrag und pharmazeutischen Anforderungen an Arzneimittelsicherheit und Reinheit. Diese Substanzen verändern die Morphologie, Physiologie und den Sekundärstoffwechsel der Pflanze in wesentlichen Punkten. Während PGR in der allgemeinen Landwirtschaft zur Steuerung des Pflanzenwachstums eingesetzt werden, wirft ihre Anwendung in der Produktion von Medizinalcannabis zur Inhalation oder oralen Anwendung erhebliche Fragen hinsichtlich Toxizität, Rückständen und einer möglichen Beeinträchtigung des therapeutischen Potenzials auf.

Was sind PGR und wie wirken sie?

Wachstumsregulatoren sind Moleküle, die bereits in sehr niedrigen Konzentrationen zentrale Entwicklungsprozesse von Pflanzen steuern. Im Zusammenhang mit Cannabis ist zwischen natürlich vorkommenden Phytohormonen und synthetischen Verbindungen zu unterscheiden, die diese hormonellen Prozesse entweder nachahmen oder gezielt hemmen.

Synthetische PGR greifen in die hormonelle Regulation der Pflanze ein. Besonders relevant sind Stoffe, die die Gibberellin-Biosynthese hemmen. Die Folge sind verkürzte Internodien, kompaktere Pflanzenstrukturen und besonders dichte Blütenstände. Auf den ersten Blick kann dies zu einem höheren optischen Ertrag führen. Gleichzeitig kann dieser Eingriff jedoch mit einer reduzierten Ausbildung von Trichomen sowie einer verringerten Bildung von Cannabinoiden und Terpenen einhergehen.

Kritische synthetische PGR im Cannabisanbau

Im Zusammenhang mit unreguliertem Cannabisanbau werden insbesondere drei synthetische Substanzen genannt:

Paclobutrazol

Paclobutrazol ist ein starker Gibberellin-Hemmer. Es führt zu einer engeren Zellpackung im Blütenstand und damit zu auffällig kompakten, schweren Blüten. In toxikologischen Zusammenhängen wird auf potenzielle Risiken für verschiedene Organsysteme hingewiesen. Zusätzlich besteht Sorge hinsichtlich möglicher Rückstände und unerwünschter Umwandlungsprodukte bei thermischer Belastung.

Daminozid

Daminozid wurde in verschiedenen Zusammenhängen kritisch bewertet und für bestimmte Anwendungen bereits verboten. Im Cannabiskontext wird es mit einer Verdichtung der Blüten, zugleich aber auch mit einer möglichen Verringerung des Gehalts an relevanten Inhaltsstoffen in Verbindung gebracht. Besondere Aufmerksamkeit gilt den möglichen Abbauprodukten bei hohen Temperaturen.

Chlormequatchlorid

Chlormequat wird genutzt, um Wuchsform und Pflanzenhöhe zu beeinflussen. Auch wenn es in einzelnen Bereichen des Pflanzenbaus regulär eingesetzt wird, ist sein Einsatz bei Cannabis, das für die Inhalation oder medizinische Anwendung bestimmt ist, aus Qualitäts- und Sicherheitsgründen besonders kritisch zu bewerten.

Warum PGR bei Medizinalcannabis besonders problematisch sind

Im medizinischen Bereich steht nicht die äußere Erscheinung der Blüte im Vordergrund, sondern die pharmazeutische Qualität, die Reinheit und die Vorhersagbarkeit des Wirkstoffprofils. Werden synthetische Wachstumsregulatoren eingesetzt, kann dies mehrere Ebenen betreffen:

1. Veränderung des Cannabinoid- und Terpenprofils

PGR-bedingte Eingriffe in den Pflanzenstoffwechsel können die Ausbildung von Trichomen und damit die Produktion von THC, CBD und weiteren Cannabinoiden beeinträchtigen. Auch die Bildung von Terpenen kann reduziert sein. Damit verändert sich nicht nur das Aromaprofil, sondern potenziell auch das pharmakologische Gesamtprofil der Cannabisblüte.

2. Rückstände und inhalative Exposition

Bei Cannabisprodukten, die inhaliert werden, ist die Frage nach Rückständen besonders sensibel. Rückstände auf dem Pflanzenmaterial können beim Erhitzen oder Verbrennen in den inhalierten Aerosol- oder Rauchstrom übergehen. Für Patient*innen mit geschwächtem Immunsystem, pulmonalen Vorerkrankungen oder eingeschränkter Leberfunktion ist dies von besonderer Relevanz.

3. Verlust an therapeutischer Verlässlichkeit

Ein medizinisches Cannabisprodukt muss möglichst reproduzierbar sein. Veränderungen im Phytochemikalienprofil, in der Reinheit oder in der sensorischen Qualität widersprechen diesem Anspruch. Für die Therapie bedeutet dies ein erhöhtes Risiko für Schwankungen in Wirkung, Verträglichkeit und Anwendbarkeit.

Qualitätsstandards: GACP, GMP und Pharmakopöe

Die internationale Entwicklung zeigt klar in Richtung pharmazeutischer Standardisierung. Für die Produktion von Medizinalcannabis sind insbesondere folgende Systeme maßgeblich:

GACP

Good Agricultural and Collection Practice regelt Anbau, Ernte und Primärverarbeitung. Ziel ist eine saubere, nachvollziehbare Produktion mit vollständiger Rückverfolgbarkeit und Kontrolle möglicher Kontaminationsquellen.

GMP

Good Manufacturing Practice betrifft die Weiterverarbeitung, Verpackung und Qualitätssicherung. Hier geht es um Reinheit, Stabilität, definierte Spezifikationen und belastbare Prozesskontrolle.

Europäisches Arzneibuch

Mit der Monographie Ph. Eur. 3028 Cannabis flos wurde ein zusätzlicher Standard für Cannabisblüten etabliert. Sie definiert Anforderungen unter anderem an Reinheit, Identität, mikrobiologische Qualität und Rückstände. Für den medizinischen Einsatz ist diese Standardisierung ein zentraler Schritt hin zu mehr Patientensicherheit.

Woran lässt sich PGR-behandeltes Cannabis erkennen?

Auch wenn eine sichere Beurteilung letztlich nur analytisch erfolgen kann, werden in der Praxis immer wieder typische Auffälligkeiten beschrieben:

  • unnatürlich harte und sehr dichte Blüten
  • auffallend viele orange oder braune Pistillen
  • wenig sichtbare Trichome
  • geringe Klebrigkeit
  • schwaches oder chemisch wirkendes Aroma
  • kratziger Rauch oder unangenehmer Nachgeschmack

Diese Merkmale sind jedoch kein Beweis. Für den medizinischen Bereich kann eine belastbare Bewertung nur über ein kontrolliertes Qualitätsmanagement und geeignete Analytik erfolgen.

Natürliche Alternativen und moderne Anbaustrategien

Im professionellen Anbau rücken zunehmend natürliche oder weniger invasive Strategien in den Fokus. Dazu zählen etwa Biostimulanzien, optimierte Nährstoffführung, kontrollierte Umweltbedingungen und genetisch passende Kultivare. Ziel ist nicht nur ein wirtschaftlich tragfähiger Ertrag, sondern vor allem eine stabile, saubere und therapeutisch verlässliche Qualität.

Fazit

Der Einsatz synthetischer Plant Growth Regulators im Medizinalcannabis-Anbau ist aus pharmazeutischer Sicht hochsensibel. Zwar können diese Stoffe das äußere Erscheinungsbild und den Ertrag beeinflussen, gleichzeitig stehen sie jedoch im Spannungsfeld von Rückstandssicherheit, phytochemischer Integrität und therapeutischer Verlässlichkeit. Für Medizinalcannabis, das zur Inhalation oder oralen Anwendung bestimmt ist, müssen daher Reinheit, Transparenz und Standardisierung oberste Priorität haben. Internationale Qualitätsstandards wie GACP, GMP und die Monographien des Europäischen Arzneibuchs bilden hierfür den entscheidenden Rahmen.

Nachfolgend die vom Autor benannten Quellen und weiterführenden Hinweise: